Ankommen ist der Weg
tagebuchblatt aus dem dorf
von Mia Pelenco
Veröffentlicht in MUT & LIEBE Nr. 56
Gehe einmal im Jahr irgendwohin, wo du noch nie warst, sagt der Dalai Lama weise, und schickt einen schon beim Lesen auf große Reise. So entsteht Fernweh. Also aufgerafft, Koffer gepackt und sich alljährlich aufmachen, um die Fremde zu suchen und mit neuen Eindrücken heimzukehren. Fähnchen auf die Weltkugel stecken, sich und andere damit erfreuen, wo man überall war.
So habe ich das zumindest früher verstanden und fleißig Fähnchen gesammelt. Bis es mich zum jahrelangen Aufenthalt an einen Ort führte, wo andere Urlaub machen. Diese Erfahrung, das Reisen aus der anderen und sogar gastgebenden Perspektive zu erleben, lässt mich heute eher kritisch auf den Tourismus blicken. Denn „Land und Leute“, deren Alltag und Sicht auf das Leben lernt man so nicht kennen. Vielleicht ist das auch nicht beabsichtigt, denn warum mit fremden Problemen belasten, wenn man von den eigenen Abstand gewinnen will!?
Kann das zunehmende Reisefieber also wirklich der Sinn dieser knapp formulierten buddhistischen Aufforderung sein?! Kurze Sätze lassen bekanntlich einen großen Interpretationsspielraum zu. Nun noch einmal langsam lesen, Wort für Wort. Dort steht: Gehe! Das klingt nach leichtem Gepäck. Weiter: irgendwohin. Das ist weit gefasst, mit der Bedingung, wo du noch nie warst, erscheint die Reiseempfehlung vielleicht doch perfekt für die Flugreise ans andere Ende der Erde? Meine stillen Gedanken werden übertönt von rumorendem Getöse der Großbaustelle im Dorf, vielmehr in und um den Schlosspark. Es geht um die Zukunft des Baumbestands. Wer es noch nicht weiß: Hier werden Abwasserwege in Rohrsystemen miteinander verbunden, eine Rigole gebaut, ein unterirdisches System, das Regenwasser auffängt, zwischenspeichert, kontrolliert versickern lässt und in einer großen Zisterne sammelt. Damit sollen die Neuanpflanzungen im Park mit Wasser versorgt werden. Ein seit knapp fünf Jahren vom Bund zugesagt finanziertes Projekt wird nun endlich in die Tat „umgebaggert“. Jeden Tag verändert sich die Landschaft, es tun sich Erdhügel auf, tiefe Gräben lassen einen auf altes Wurzelwerk von denkmalgeschützten Bäumen schauen, überraschende Knochenfunde lassen alte Friedhofsgeschichte neu aufleben. Es scheint fast so, als würde zur Reise zum Mittelpunkt der Erde geschaufelt. Der große Bagger auf seinem für ihn extra gerodeten Ruheplatz, direkt an die Schlosskirchmauer geschmiegt, träumt bestimmt davon. Schlamm und braune Tümpel verändern gewohnte Wege, und zwar jeden Tag aufs Neue! Enorme Erdhügel schaffen neue Raumverhältnisse, verwehren den sonst so idyllischen Blick Richtung der Diana-Statue. Und wir fragen uns, ob es die weniger Ortsansässigen zu uns schaffen werden. Kommen die Müllabfuhr, der Briefträger oder Paketbote durch? Es tun sich neue Schicksalsgemeinschaften zusammen, Informationen und Ansprechpartner bei der Stadt kontaktiert. Und was ist mit dem Pizzalieferdienst? Zur Not muss man tatsächlich selber backen, wer hat denn ein Rezept für einen knackigen Hefeteig, Trockenhefe-Frische-Hefewürfel-Diskussionen lassen die Nachbarschaft ganz neu kennenlernen, und wer dann keine Lust mehr aufs Backen hat, begibt sich auf die waghalsige Reise durchs Dorf „zum Italiener“, dessen Name sogar ans Bergsteigen erinnert. Lasst uns ein Edelweiß pflücken zur Erinnerung an diese Abenteuerzeit. Als Kinder kletterten wir früher sofort auf jede kleinste Erhebung, da hätten wir wohl die Baustelle ziemlich in Beschlag genommen. Diese spontane und einfache Möglichkeit, sich nur für ein paar Minuten zu entfernen, hat sich mit der Zeit verlernt. Dabei tut es so gut, ab und zu einen Berg zu erklimmen, sich aus dem Alltag zurückzuziehen. Es geschah aber an diesen Tagen, dass er auf einen Berg ging, um zu beten (Lk, 6,12). Seinerzeit begab sich Jesus oft auf Berge, um in die Stille zu gehen, Antwort zu erhalten im Gebet. Sogar ein kleiner Erdhügel bietet sich dafür an, und verschafft einen wohltuenden Blick in die Ferne, wo es bisher nur Ebene gab, und aus der Höhe Distanz auf das, was man alltäglich erlebt. Ganz simpel schafft man es hier sogar zum viel gepriesenen Perspektivwechsel. Begib dich aus deinem System, tritt heraus und betrachte es aus der sicheren Entfernung. Psychologische Empfehlung trifft spirituelle Ratschläge. Und auf diesen gedanklichen Umwegen (danke, Baggergetöse!) schließt sich der Kreis, wird das Gehe…irgendwohin viel weniger zu einer Reiseempfehlung in die Ferne, als zu einem Hinweis, neu hinzuschauen auf das uns vermeintlich Bekannte. Es muss also nicht diese eine Fernreise im Jahr sein. Zeiten des Rückzugs und Neu-Draufschauens können wie kurze Reisen erlebt werden, zwar nicht zum Mittelpunkt der Erde, aber vielmehr zum Innehalten und zur Reflexion, quasi eine Reise zu sich selbst. Gehe! Irgendwohin! Entferne dich von deinem alltäglichen Blick auf die Dinge. Die Metapher Das Leben ist eine Baustelle erhält hier gerade eine neue Bedeutung. Absperrungen, Gräben und Pfützen geben plötzlich andere Wege vor. Und so wird der erzwungene Richtungswechsel zur ungewollten Reiseerfahrung. Die alltäglichen Wege, den beliebten Spaziergang einfach einmal andersherum gehen und das scheinbar Vertraute neu entdecken. Die nächste Reise beginnt direkt vor unserer Haustür. Und es erscheint einem plötzlich so, als sei man noch nie dort gewesen.


