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Petra Maria Mühl
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ÜBER DÖRFER

von Mia Pelenco

Veröffentlicht in Mut & Liebe, Ausgabe Nr. 42, Thema: „Wurzeln“

Das Dorf meiner Kindheit liegt am Rhein, genau dort, wo die Sieg in den Rhein mündet. Eine große Fähre verbindet die „Schäl Sick“ mit der „richtigen“ Seite. Hier gibt es oft Hochwasser, der große Spielplatz dort ragte regelmäßig mit nur ein paar Stangen der Drachenschaukel aus den Fluten. Bergauf dann die erste Häuserreihe mit Blick auf den Fluss. Das dumpfe Tuckern der großen Binnenschiffe als nächtliche Begleitmusik habe ich heute noch im Ohr. Ganz oben über allem thronend, vom Rhein aus gut sichtbar, die katholische Kirche mit ihrem typisch rheinländischen Spitzturm aus dem 17. Jh. Katholischer Kindergarten, katholische Grundschule, Erstkommunion in Weiß. Alles wie in feinen Weihrauch gehüllt, als gäbe es nur das. Der kleine jüdische Friedhof außerhalb erzählt eine andere Geschichte.

Hier am Rhein begegnete mir die erste „Fremdsprache“. Das Rheinische Platt war unter Kindern ein Muss, zuhause war es mir verboten so zu sprechen. Obwohl wir nahe am Dorfgeschehen lebten, gehörten wir nie wirklich dazu. Von Familienfeiern, wo das halbe Dorf versammelt war, erzählte mir meine Schulfreundin. Sie hatte alle ihre Verwandten am Ort. Auf dem verstaubten Dachboden ihrer Urgroßmutter fanden sich noch alte Kostüme für den Karneval. Ich wusste nur, dass ich eine tschechische Urgroßmutter hatte, und dass wir von früher gar nichts mehr besaßen. Damit begann meine Wahrnehmung für das Fremdsein, nicht dazuzugehören und woanders herzukommen, obwohl ich nun deren Sprache sprach.

Unsere Familientreffen fanden bei meiner Großmutter am Plöner See statt. Dort wo die Familien meiner Eltern im Flüchtlingslager einander gegenüber wohnten, mein Vater meine Mutter entdeckte. Nach der Vertreibung aus ihrer Heimat, jahrelanger Zeit der Ungewissheit, wohin es geht. Angekommen in Baracken, ausgegrenzt und argwöhnisch beäugt von den Einheimischen. Viele Jahre nach dem Ende des Krieges: eine komplett traumatisierte Generation ohne psychologische Betreuung.

Meine Großmutter empfand sich selbst zeitlebens als österreichisch-ungarisch, und sie vermisste an diesem Ort noch jahrzehntelang ihre Berge aus dem Riesengebirge. „So viel Wasser und so flach.“ Dabei nennt sich diese Gegend Holsteinische Schweiz, wegen der Hügel. Die gingen bei ihr aber als solche nicht durch.

Ich stellte ihr viele Fragen über unser „wirkliches“ Zuhause, von dem meine Eltern immer sprachen. Für sie blieb der Begriff „Heimat“ bloß Sehnsuchtsort. Unwiederbringlich.

Den Geschichten „von damals“ meiner Großmutter hörte ich gebannt zu, die nichts verklärten, sondern ein lebhaftes Bild in meinem Kopf erschufen, in dem meine Verwandten und Vorfahren zu Hauptdarstellern wurden. So entstand während dieser Erzählungen in meiner Phantasie „mein eigenes Dorf“ und eine Vorstellung davon, woher ich komme.

Die dazugehörige böhmische Küche wurde für mich zu einem köstlichen Stück Realität dieser erzählten Welt. Meine Großmutter war eine grandiose Köchin. Sie beherrschte die Kunst des Apfelstrudelbackens, wo der Teig so lange freihändig in der Luft gezogen werden muss, bis man hindurchsehen kann. Außerdem riesige böhmische Semmelknödel, in Scheiben geschnitten und in dicken Soßen schwimmend, Buchteln mit Vanillesoße, Suppen, die ab dem Vormittag schon köchelten und ihre Aromen im Haus verströmten, Pflaumenknödel auf Pflaumenröster, Streuselkuchen mit Mohn, Vanillekipferl, Powidltascherln, Panierte Wiener Schnitzel mit einem Holzgerät vorher millimeterdünn gedrückt, Grüner Salat mit süß-saurer Vinaigrette, Sacher Torte nach dem Rezept ihrer Cousine, die im Wiener Hotel Sacher backte.

Es wurde üppig aufgefahren, wenn sich im Sommer ihre Kinder mit Familien bei ihr trafen. Da wurde geschlemmt, geraucht und getrunken, hitzige Debatten geführt, es war laut und es klang anders als anderswo. Mein Vater und seine Geschwister sprechen eine böhmische Mundart mit tschechischen, österreichischen und jiddischen Einsprengseln – egal ob man schimpft oder lobt, es klingt immer weich und freundlich! Eine weitere Sprache, die ich verstehe, aber leider nicht spreche. Bald wird sie niemand mehr aus der großen Familie können. Ein großer Teil schnackt nun Plattdütsch – noch ein Dialekt, der mich mit einer Landschaft verbindet, hier mit den Seen, den Knicks und unendlichen Wolkenhimmeln der Ostsee.

In meinen Schuhen trage ich böhmische, rheinländische und holsteinische Landkarten. Eine Kindheit zwischen Rübezahl und Reibekuchen. Direkt nach der Schulzeit machte ich mich auf meinen eigenen Weg, um einen Ort zu finden, den ich mein Zuhause nennen könnte. Nach tausenden von Kilometern war es wohl diese Mischung aus mir Vertrautem, was mich alles wiederfinden ließ, an einem Fleck in Offenbach, in einem Dorf, von dem aus ich euch jetzt berichte. Mein „Zu-Haus“, das ich mit meiner Handschrift immer mehr beschreibe, steht am Fluss, dort wo die Fähre übersetzt und mich die großen Binnenschiffe zurück in meine Kindheit tuckern. Das mit dem Hessisch babbele klappt auch schon ganz gut.

kein ort | weiter weg, 2002

Tanzschuhe der 1920er, Einlagen aus Landkarten von Böhmen/ Schneekoppe, Hausgestell mit Folien, Familienchronik, Handschrift meiner Großmutter [Foto: Deutsches Ledermuseum DLM Offenbach/Main, Ausstellung „Was bleibt“, 2002]

Kein Ort ist weiter weg als der, den man verlassen musste ohne Wiederkehr.

Kein Weg ist weiter als der, von dem man nicht weiß, wohin er uns führt.

 In unseren Schuhen tragen wir unsere Heimat mit uns, unsere Wurzeln, auch unbewusst als spürbares Erbe.

Wir schreiben unsere Lebens-Geschichten und gestalten unser eigenes „Zu-Haus“.

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